
Nach einer Finanzierungsrunde über 12,5 Millionen Euro setzt Rail-Flow verstärkt auf KI. Co-CEO Dominik Fürste erklärt in einem DVZ-Interview, warum nicht andere RailTech-Start-ups, sondern Excel und E-Mail die eigentliche Konkurrenz des Unternehmens sind.

Nach dem Abschluss einer Finanzierungsrunde über 12,5 Millionen Euro im Dezember 2025 setzt Rail-Flow verstärkt auf künstliche Intelligenz. Bei den Logistics Tech Talks in Hamburg sprach Co-CEO und Mitgründer Dominik Fürste mit der DVZ darüber, wohin diese Investitionen fließen und warum der härteste Wettbewerber des Unternehmens kein anderes Rail-Tech-Start-up ist, sondern die Kombination aus Excel und E-Mail. Die Finanzierungsrunde überhaupt abzuschließen, war keine leichte Aufgabe: Mit deutlich weniger verfügbarem Kapital als noch vor drei oder vier Jahren zog sich der Prozess von der Vorbereitung bis zur Unterschrift über fast ein Jahr und umfasste Gespräche mit rund 150 Investoren. Für Fürste ist das Ergebnis ein Meilenstein, auf den man stolz sein kann, und der Ausgangspunkt für eine neue Wachstumsphase, die auf KI und internationaler Expansion aufbaut.
Es gebe keine Standard-KI für die Bahnlogistik, argumentiert Fürste. Das kurzfristige Potenzial liege darin, die Art und Weise zu überdenken, wie Informationen die Menschen erreichen: Anstatt sich durch Menüs zu klicken, könnten die Mitarbeitenden direkt im System Eingaben vornehmen, den relevanten Kontext sofort aufrufen und von dort aus Aktionen auslösen. Ein besonderer Vorteil für neue Kollegen, die ihre Fachkenntnisse noch aufbauen.
Mit Blick auf die Zukunft arbeitet Rail-Flow auf agentenbasiertes Dispatching hin, bei dem virtuelle Kollegen die Vorplanung übernehmen und Entscheidungsvorschläge zur Bestätigung durch einen Menschen vorbereiten. Das ist jedoch ein Zielbild, nicht die heutige Realität. Das Unternehmen hat rund 15 mögliche Anwendungsfälle untersucht, um zu ermitteln, welche Grundlagen noch geschaffen werden müssen.
Entscheidend ist, dass ein Großteil der KI-Investitionen von Rail-Flow nach innen gerichtet ist. Das Unternehmen investiert monatlich einen fünfstelligen Betrag in interne Tools, die den gesamten Softwareentwicklungsprozess optimieren, von der Anforderungserfassung bis zur automatisierten Qualitätssicherung. Eine „AI-First“-Strategie, ein AI-Transformation-Manager und ein Head of AI untermauern dies, denn, wie Fürste es formuliert, könnte ein schlankes amerikanisches Start-up mit einer Handvoll KI-Spezialisten das Unternehmen sonst überholen. Dieser Druck sei ein Motivator.
Der Schienengüterverkehr liege, so schätzt Fürste, 20 bis 30 Jahre in Sachen Digitalisierung hinter anderen Verkehrsträgern zurück. Er erinnert sich an ein Projekt bei der Deutschen Bahn, bei dem Faxgeräte auf Lokomotiven installiert werden sollten. Ein Vorhaben, das aufgegeben wurde, weil der Empfang zu schlecht war. Diese Anekdote verdeutlicht sowohl, welchen Weg die Branche noch vor sich hat, als auch, wie groß die Chancen sind.
Die Herausforderung liegt in der Komplexität der Prozesse. Etwas schnell aufzubauen ist einfach; es jedoch über die gesamte Lieferkette hinweg zuverlässig zum Laufen zu bringen, ist es nicht. Deshalb haben sich so viele Lösungen und Unternehmen nicht durchsetzen können. Rail-Flow begegnet dieser Herausforderung, indem es den gesamten „Order-to-Cash“-Prozess von Anfang bis Ende digitalisiert, wo immer möglich automatisiert und alle Akteure – Kunden, Dienstleister, Terminals und Eisenbahnunternehmen – über mittlerweile mehr als 100 Integrationen miteinander vernetzt. Da es keine branchenweit einheitliche Schnittstelle gibt, ist die Zusammenführung all dieser Angebote das Kerngeschäft von Rail-Flow. Über dessen Marktplatz können Einkäufer Transportdienstleistungen bei allen rund 100 europäischen Eisenbahnunternehmen gleichzeitig anfragen.
Die Plattform selbst kommt gut an. Die ehrliche Alternative, die die meisten Interessenten in Betracht ziehen, ist kein Konkurrenzprodukt, sondern die fortwährende Nutzung von Microsoft Excel und E-Mail. Daher Fürstes Fazit: In der Praxis ist Microsoft der größte Wettbewerber.
Die größten Schwierigkeiten ergeben sich im Zusammenhang mit dem Begriff „KI“ selbst. Viele potenzielle Kunden zögern, weil ihre interne KI-Governance noch nicht festgelegt ist oder der Einsatz von KI intern noch nicht genehmigt wurde. In Europa regulieren sich Unternehmen häufig strenger selbst, als es die Politik vorgibt. Das mag sich innerhalb von zwei Jahren ändern, doch derzeit ist es ein schmaler Grat. Die Sicherheit wird unterdessen zu einem immer dringlicheren Faktor: Angesichts von Vorschriften wie NIS-2 und tatsächlichen Cyberangriffen auf mittelständische deutsche Güterbahnunternehmen müssen Geschäftsführer handeln, sonst drohen ihnen persönliche Haftungsrisiken, und Rail-Flow ist bereit, wenn sie es tun.
Die Expansion von Rail-Flow ist in vollem Gange. Australiens größtes börsennotiertes Eisenbahnunternehmen zählt nun zu den Kunden und wird von vor Ort eingestellten Mitarbeitern sowie einem Team auf den Philippinen für Support und Qualitätssicherung unterstützt. In Frankreich hat das Unternehmen ein deutsch- und französischsprachiges Vertriebsteam aufgebaut und seinen ersten Großkunden gewonnen. Als Nächstes stehen weiteres Wachstum in Polen, dem drittgrößten Eisenbahnmarkt Europas, sowie der Einstieg in Nordamerika im Jahr 2026 auf dem Plan, ein Markt, der etwa fünfmal so groß ist wie der europäische. Was das politische Klima in den USA betrifft, ist Fürste unbesorgt: Amerikanische Unternehmen seien chancengetrieben, und eine überzeugende Lösung verkaufe sich unabhängig von der allgemeinen Wetterlage.
Lesen Sie das vollständige Interview mit Dominik Fürste in der DVZ vom 8. Juni: Rail-Flow-Co-CEO: „Unser größter Wettbewerber ist eigentlich Microsoft“